Februar
Auszug aus dem Romanprojekt “Morgenluft”, entstanden im März 2008
Nachdem er seine Tochter ins Bett gebracht hat, nimmt Herbert den Kellerschlüssel und eine Jacke von der Gaderobe. Die Tür zieht er hinter sich zu, von außen kann man nicht ohne Schlüssel in die Wohnung hinein. Das Stiegenhaus ist undicht, der Schnee von der Strasse drückt sich durch die Wände und auf den Stufen gefrieren kleine Wasserlacken zu Eis. Herberts Hauspatschen sind gleich durchnässt.
Im Keller stehen alte Weinflaschen neben den ausrangierten Wohnzimmermöbeln und dem Käfig des Wellensittichs, den Lisa aufheben wollte. Sein Blick fällt auf die Ski im hinteren rechten Eck, zwei lange Paare neben den kurzen von Lisa. Die Ski seiner Frau weisen ebenso Rostflecken auf wie seine eigenen, die von Lisa sind vom Skikurs im Jänner in Plastik verpackt. Das Kellerabteil ist nicht verfliest, der Boden ist lehmig. „Eine Zumutung“, hat Jelena damals zum Vermieter gesagt. Außer der Kaution für den Schlüssel hat es nichts gekostet, daher haben sie es trotzdem genommen. Herbert öffnet die erste Kiste und hebt ein paar Sommerpullover auf. Er reibt sich die die Hände und bläst sich auf die blauen Knöchel.
In der nächsten Kiste sind Bücher und alte Schulhefte, weiter hinten zwei große Kisten mit der Aufschrift „Sperrmüll“. Er öffnet sie dennoch. Zwischen der Nähmaschine und dem Bügeleisen findet er den Bilderrahmen, das Foto ist noch da. Das Bild in der Hand, geht er zurück hinauf in die Wohnung. Er nimmt die Stufen schnell hintereinander, seine Beine sind steif. Als er ausrutscht, versucht er sich mit den Armen abzustützen, er knallt mit dem rechten Ellbogen auf die Stiege. Mit der linken Hand zieht er sich zum Sitzen hoch. Er lehnt sich an die Wand und schaut auf die beiden Gesichter am Foto. Das Licht im Stiegenhaus geht aus, Herbert bleibt sitzen. Im Dunkeln versucht er, das Foto zu zerreißen, die rechte Hand schmerzt, sodass er es letztendlich nur zusammendrückt und in die Jackentasche einsteckt. Er schiebt die Tür zu Lisas Zimmer auf, sie atmet gleichmäßig. Herbert tastet mit der linken Hand nach dem Lichtschalter, aber er dreht das Licht nicht auf und geht wieder. Den Zettel, den er auf dem Küchentisch hinterlässt, schreibt er nur mit Mühe. „Ein Taxi in die Schönbrunnerstraße, bitte“, sagt er ins Telefon hinein und verlässt die Wohnung. Dieses Mal sperrt er zu und dreht den Schlüssel zweimal um.
„Röntgen brauchen wir da nicht mehr“, sagt die Krankenschwester, „besser Sie kommen gleich mit mir mit“. Er sieht ihr zu, wie sie die Spritze in seinen Oberarm setzt. Danach wird der gesamte Arm eingegipst. Als Herbert aus dem Taxi aussteigt, sieht er das Licht in der Wohnung brennen. Lisa sitzt in der Küche, vor ihr der Zettel und ein Taschentuch. „Papa“, ruft sie und umarmt ihn, bevor er sich noch die Schuhe ausziehen kann. Sie bohrt ihren Kopf in seinen Bauch, er streicht ihr mit der linken Hand über den Kopf und die Schultern. Dann läuft sie in ihr Zimmer, legt sich ins Bett und deckt sich zu. Langsam kommt er nach und setzt sich an ihren Bettrand. „Schlaf jetzt“, sagt Herbert. „damit du morgen fit bist“. „Morgen ist keine Schule“, sagt Lisa. Er streicht die Decke glatt und wickelt ihre Füße mit dem unteren Ende ein. Es ist nach Mitternacht.
In der Früh steht Lisa auf, ohne dass er sie aufwecken muss. Ihre Augen sind müde, aber sie sagt nichts und setzt sich vor ihr Butterbrot, das er in kleine Quadrate geschnitten und zu einem Sonnengesicht aufgelegt hat. Die Stücke sind größer und unregelmäßiger als sonst. Während sie vom Butterbrot isst, versucht er sich anzuziehen. Durch den Gips kommt er nicht in den Hemdsärmel hinein. Herbert geht in die Küche, nimmt eine Schere und trennt den rechten Arm von seinem Hemd ab. Er merkt, dass Lisa ihm zusieht, als er sich umdreht, schaut sie wieder in ihren Kakao.
„Du hast nicht ausgetrunken“, sagt er. „Doch, hab ich eh“, sagt sie und nimmt einen kleinen Schluck. Den Rest leert sie ins Abwaschbecken. Der Kakao zieht spiralförmige, dunkelbraune Spuren. Herbert dreht den Wasserhahn auf und macht die Küche sauber. „Papa“, sagt Lisa, „ich muss heute wirklich nicht in die Schule.“ „Mach dich fertig Lisa, wir fahren heute öffentlich“ erwidert er. Ihre Schultasche ist leicht, montags hat sie nur bis halb eins Unterricht. Sie zieht die Stiefel und den Mantel an, setzt ihre Haube auf. Das Auto steht direkt vor der Haustüre; sie gehen daran vorbei. Bei der U-Bahn Station Wien Mitte steigen sie aus und spazieren durch den Stadtpark. Der erste Schneeball trifft Herbert mitten am Bauch. Lisa lacht, er stellt ihre Schultasche ab und versucht, mit der linken Hand eine Kugel zu formen, um zurück zuschießen. Sie ist schneller und der zweite Schneeball landet an seinem Bein. Er läuft ihr nach. Lisa wirft sich in einen Schneehaufen. „Komm, gehen wir weiter“, meint er.
Als sie vor dem Akademischen Gymnasium ankommen, ist es kurz vor acht, trotzdem sind keine Kinder anwesend. „Hab ich dir ja gesagt“, meint Lisa. „Heute ist keine Schule“. Sie holt das Mitteilungsheft heraus. In der Kalenderwoche acht hat die Lehrerin einen blauen Strich über die gesamte Seite gezogen. „Semesterferien“ steht da in geschwungenen Buchstaben. Herbert sieht seine Tochter an, seine Schultern hängen nach unten. Er setzt sich auf die Stufen vor dem Eingangstor. „Papa“, sagt Lisa, „gehen wir zu McDonalds?“ Sie streckt ihre Hand aus, er nimmt sie und sie gehen zu McDonalds am Schwarzenbergplatz, wo er zweimal Heiße Schokolade mit Schlagobers bestellt. _______________________________________________________________________________________
Ich lege meinen Kopf auf den bunten Stofffisch und mache meine Augen zu. Papa nimmt mir „Ronja Räubertochter“ aus der Hand und dreht den Digitalwecker in meine Richtung. Es ist 21:01. „Schlaf gut“, sagt er. „Soll ich die Tür einen Spalt offen lassen?“ Ich schüttle den Kopf. Er dreht sich noch einmal um, sagt, „Ich muss noch kurz in den Keller, bin aber gleich wieder da.“ Das Licht im Gang lässt er brennen, die Wohnungstür fällt zu. Ich drehe die Lampe am Nachtkästchen auf und lese weiter. Ronja erzählt Birk von ihrem Streit mit dem Vater, in dem sie ihm sagt, dass sie keine Räuberin werden möchte.
Als Papa wieder zurückkommt, ist es 22:12. Ich drehe schnell das Licht ab, mache die Augen zu und atme ganz langsam. Er telefoniert mit irgendwem, dann verschwindet der Lichtspalt unter meiner Zimmertüre und er ist wieder weg. Ich kann nicht schlafen. Als ich aufs Klo gehe, sehe ich, dass der Kellerschlüssel bei der Garderobe hängt und dass seine Schuhe weg sind. Ich stelle den Sessel ans Fenster, unser Auto ist noch da. Ich will die Wohnungstür öffnen, vielleicht hat er seinen Schlüssel vergessen und steht jetzt draußen, aber die Tür ist zugesperrt. Ich laufe zurück in mein Zimmer und suche in der Schultasche nach meinem Schlüssel. Papa hat das Zeugnis nicht angeschaut. Er hat auch nicht gefragt. Den Schlüssel lege ich zur Sicherheit auf das Nachtkästchen. Es ist 23:07.
Jetzt erst sehe ich, dass am Küchentisch ein Zettel liegt. „Mach dir keine Sorgen, ich bin bald wieder da. Papa“ Die Schrift sieht komisch aus. Beim Telefon liegt das Heft mit den Nummern. „Für Notfälle“, hat Tante Ivana gesagt, „für Notfälle lass ich dir meine Nummer da. Du kannst mich immer anrufen“. „Danke“, hat der Papa gesagt, „aber es wird keine Notfälle geben.“ Ich schlage die Seite mit ihren Nummern auf, die von der Wohnung in Liesing und die vom Sommerhaus in Kroatien. Es ist schon fast Mitternacht. Ich ziehe mir das Nachthemd über die angewinkelten Knie und versuche die Zehen einzuwickeln. „Wenn du weinen willst, wein einfach“, hat Mama immer gesagt. Das Taschentuch ist erst ein bisschen nass, als Papa die Tür aufsperrt. Ich laufe zu ihm hin und umarme ihn. Das Heft mit den Telefonnummern schmeiße ich unter den Tisch. Er hat einen Gips aber er sagt nicht, warum. Nur, dass ich schlafen soll, damit ich morgen für die Schule fit bin. Dass morgen keine Schule ist, hört er nicht.
In meinem Traum bin ich Ronja Räubertochter und mein Vater ist Mattis. Ich will mit ihm streiten, aber er geht immer weg, zieht sich in den Wald zurück und redet nicht mit mir. In der Früh versucht Papa, sich über die Gipshand ein Hemd anzuziehen. Ich verstehe nicht, warum er nicht einfach ein T-Shirt anzieht. Ich versuche, das Heft mit den Telefonnummern unter dem Tisch mit meinem Fuß zu erreichen. „Du hast nicht ausgetrunken“, sagt er. „Doch, hab ich eh“, sage ich und tu so, als würde ich trinken. Als ich den Rest ins Abwaschbecken leere, nimmt er mir das Häferl aus der Hand. Er glaubt immer noch, dass ich heute Schule habe. Obwohl seine eingegipste Hand vom Körper weg steht, nimmt er mit der anderen Hand meine Schultasche. Er steigt mit mir in Wien Mitte aus, sodass wir durch den Stadtpark gehen können. Der Schnee ist noch ganz frisch und ich vergesse, dass er nicht mitspielen wird und mache zwei Schneebälle, die ich auf seinen Bauch werfe. Meine Hände sind nass, ich habe die Handschuhe vergessen. Er tut so, als würde er mir nachlaufen, aber dann sagt er wieder, dass wir uns beeilen sollen. Ich würde am liebsten im Schnee sitzen bleiben.
Als wir vor der Schule sind, ist es kurz vor acht, niemand außer uns ist da und das Schultor ist verschlossen. „Siehst du“, sage ich, „heute ist keine Schule“. Ich zeige ihm das Mitteilungsheft. In der Kalenderwoche acht hat die Lehrerin einen blauen Strich über die gesamte Seite gezogen. „Semesterferien“ steht da in geschwungenen Buchstaben. Papa schaut auf den Boden und stützt sich mit der linken Hand ab, als er sich auf die Stufen vor dem Gymnasium hinsetzt. Ich hab Hunger, weil ich in der Früh nichts gegessen habe. Papa hat auch nichts gegessen. „Gehen wir zum McDonalds?“, frag ich ihn.
„Such uns einen Platz aus“, meint er und ich gehe zu dem Platz am Eck, wo ich immer mit Mama gesessen bin, wenn sie mich abgeholt hat. Man sieht den ganzen Schwarzenberglatz und kann die Leute beobachten, die in den D-Wagen und den 71er einsteigen. Papa stellt heiße Schokolade mit Schlagobers auf den Tisch. „Hier, für dich“, sagt er. „Zum Zeugnis-Feiern. Du hast doch ein gutes Zeugnis, oder?“ Ich lache und hole mein Zeugnis aus der Schultasche. Jetzt lacht er auch endlich.
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