Wie ich schreiben möchte

Als wir nach dem Essen draußen, auf der Bank vor dem Haus, saßen, sagte ich ihr, dass mein Entschluss feststand, dass ich nun nach Kroatien gehen würde. Dass ich mir alles gut überlegt hatte. Als sie fragte, wann ich diesen Entschluss gefasst hatte, log ich und behauptete, dass es die Ereignisse des letzten Jahres waren, die mich dazu gebracht hatten, mein Leben zu überdenken. Ich sagte ihr nicht, dass ich schon vor acht Jahren, als Florian und Sophie ausgezogen waren und das Haus plötzlich aus leeren Zimmern bestand, in die sie nur zurückkamen, wenn sie mit ihren Freunden und Freundinnen gestritten hatten oder wenn sie in den Studenten-WGs nicht lernen konnten, dass ich schon damals gewusst hatte, dass ich nicht mehr in Klosterneuburg und eigentlich auch nicht mehr in Österreich leben möchte.

Ich sagte ihr nur, dass wir das Appartement von dem Geld gekauft hatten, das Gregor geerbt hatte, und als sie sich wunderte, weshalb Gregor für mein Weggehen zahlte, und nicht aufhörte, nachzufragen, musste ich ihr sagen, dass wir uns getrennt hatten, länger schon, und dass der Betrag für das Appartement dem entsprach, was mir gesetzlich durch die Scheidung zustand.

Ich sagte ihr auch nicht, dass es mir einfach nicht mehr genügte, zu wissen, dass ich irgendwann, ja, irgendwann, schreiben würde. Dass es mir nicht ausreichend erschien, dass ein paar Bekannte gerne lasen, was ich schrieb, auch wenn es mir gelang, sie mit meinen Texten zu bewegen. Ich sagte es ihr nicht, so wie ich es auch sonst niemandem gesagt hatte.

Als sie fragte, wann ich konkret nicht mehr da sein würde, sagte ich ihr, dass ich den Sommer dazu nutzen würde, um meine Sachen nach Omiš zu bringen. Ich sagte ihr nicht, wie wenige Kisten noch in unserem alten Haus in Klosterneuburg standen und wie viel ich schon in den Süden transportiert hatte. Dass das erste, was ich ausgesucht hatte, der Schreibtisch gewesen war. Der Schreibtisch, der den ganzen oberen Raum ausfüllte und von dem aus ich das Meer sehen konnte und die Sonne, wenn sie in der Früh aufging. Dass ich dort schon meine Manuskripte hingebracht hatte und dass ich nun erst gesehen hatte, wie viele Seiten ich geschrieben hatte. Wie viele unfertige Dokumente vorlagen.

Ich sagte ihr, dass sie mich besuchen kommen könne und wusste, was sie antworten würde. Ich wusste, sie würde sagen, die Kinder kommen die Eltern besuchen und nicht umgekehrt und sie könne sich gar nicht vorstellen, in ein anderes Land zu fahren, nur um mich zu sehen. Dann fragte sie, wann ich wieder zurückkommen würde und ich antwortete nicht. Ich leerte Milch in die Schüssel für ihre Katzen und schenkte mir selbst von ihrem selbstgemachten Ribiselsaft ein. Dass er sehr gut sei, sagte ich ihr und ob ich ein paar Flaschen mitnehmen dürfe. Dass ich nicht vor hatte, je wieder zurückzukommen, sagte ich ihr nicht. Ich sagte ihr auch nicht, dass ich nicht vor hatte, oft auf Besuch zu kommen, und auch nicht, dass ich froh sei, Gregor und die Kinder nicht zu sehen. Sie hätte nicht verstanden, wie lange ich gewartet hatte, um endlich allein sein zu können. Um endlich schreiben zu können. Und wie froh ich war, als man mich in Frühpension geschickt hatte.

Als ich ging, versuchte ich sie zu umarmen und sagte ihr, sie sei die beste Mutter, die man haben kann und als sie lachte, drehte ich mich schnell um, wegen der Tränen. Ich sagte ihr nicht, dass ich sie erst anrufen wollte, wenn ich schon in Omiš war, wenn ich schon die Cetina-Schlucht mit meinem neuen Auto hinaufgefahren war und die neue Luft eingeatmet hatte. Ich sagte ihr nicht, dass ich erst wieder vorbeikommen würde, wenn eines der Manuskripte vollständig sei und wenn ich mich ausgerastet hatte von meinem bisherigen Leben. Sie drückte meine Hand, ganz fest konnte sie noch drücken, trotz der Runzeln und Falten und trotz der wenigen Kilos, die sie mit 80 Jahren nun noch hatte. Und schon während sie drückte, wanderten meine Gedanken fort und ich dachte an das Meer, das ich jeden Morgen sehen würde wenn ich nicht mehr schlafen konnte und dass ich nicht mehr in einem dunklen Zimmer liegen würde und mich fragen würde, was mit meinem Leben passiert sei, sondern dass ich aufstehen würde und den Computer starten und den Tag mit dem Schreiben beginnen würde. Das alles sagte ich ihr nicht, ich sagte ihr nur, sie solle auf sich aufpassen und als sie das hörte, ließ sie meine Hand los und holte noch Milch für die Katzen, obwohl die Schüssel voll war. Sie hob den Arm um zu winken, aber sie sah nicht mehr auf, als ich ging.

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