Kartoffelernte

… enstanden in Leonding. Auszug aus dem Romanprojekt “Morgenluft”.

An den meisten Tagen schreit seine Frau nicht, wenn er sie schlägt. Heute hat sie eine große Milchkanne umgestoßen und er drückt sie in der Küche gegen den Stahlofen und schlägt mit der Faust zu. Jelena sitzt vor der Tür und hält sich mit beiden Händen die Ohren zu. „Es ist gleich vorbei“, sagt sie zu den Katzenbabies auf ihrem Schoß „es ist sicher gleich vorbei.“ Als Bojan Juric aus dem Haus kommt und seine 5jährige Nichte mit den Katzen sieht, zerrt er sie hoch. „Komm mit!“ sagt er. Sie läuft hinter ihm her auf den Kartoffelacker, wo die beiden Cousins arbeiten, seit sie von der Schule gekommen sind.

Bojan Juric steht jeden Tag um 04:30 auf, um die Kühe zu melken. Zwei Stunden verbringt er im Stall, bevor der Rest der Familie aufwacht und die gemeinsame Arbeit beginnt. Er deutet Jelena, sich neben ihn zu knien und zeigt ihr, wie man die Kartoffeln ausliest. Fast alle sind so groß, dass Jelena mit beiden Händen arbeiten muss. „Schneller, schlaf nicht ein beim Arbeiten!“ Sie entfernt die Wurzeln und legt eine Kartoffel neben der anderen hin. Auf manche tropfen die Tränen und der Rotz aus der Nase, aber sie sagt nichts.

Als sie abends ins Haus zurückkommen, hat Sladjana das Essen fertig. Bojan geht aufs WC und uriniert bei offener Türe. Während er noch seine Hose zumacht, geht er in der Küche auf den Tisch zu und setzt sich hin. Seine Hände sind dreckig, die der Kinder auch. Sladjana hat eine aufgesprungene Lippe und zittert, als sie den Suppentopf auf den Tisch stellt. Bojan stößt sie weg. „Lass das besser mich machen.“ Er nimmt zuerst Jelenas Teller und füllt ihn voll, dann die von Adrijan und Mefael. Seiner Frau gibt er ebenfalls eine große Portion. Etwas bleibt noch übrig, das isst er selbst.

Als seine Frau nach dem Essen den Tisch abräumt und die Söhne ihre Schulhefte herausholen, leert Bojan die bunten Buchstaben aus der abgegriffenen Buchstabendose auf den Tisch. Jelena lächelt. Bojan beginnt zu schreiben. Jelena sucht die gleichen Buchstaben und legt das Wort nach, das er geschrieben hat. „Kartoffel“ liest er. „Kartoffel“, liest auch sie und fährt mit den Fingern die Buchstaben nach.

2 Responses to “Kartoffelernte”

  1. das wird ja eine echte, lange geschichte. da kann dich gar nicht mehr viel aufhalten. das wünsch ich dir, und weiß es! auguri 2008!

  2. wunderbar,wieder ein stück mehr vom “echten” leben.wie immer ist man sofort mitten in der beschriebenen szene. so lebensnah, dass es fast schon weh tut.
    bin sehr gespannt welche momente aus jelenas leben ich noch kennenlernen darf.

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