Bennis Tod
… enstanden in Leonding. Auszug aus dem Romanprojekt “Morgenluft”.
„Früher haben das alle gemacht“, hatte meine Oma erklärt. „für ein ganzes Jahr“. Bei uns war es nur Mama, die die schwarze Kleidung nach dem Begräbnis von Benni nicht mehr auszog. Für ein ganzes Jahr. Sie suchte Fotos von ihm aus und verteilte sie an verschiedenen Orten im Haus. Auf dem Kühlschrank brachte sie mit Magnetbuttons die Bilder vom letzten Sommer an: Benni beim Schwimmen und Eis essen, fotografiert mit der Sofortbildkamera, die sie mir geschenkt hatten. Neben der Schlafzimmertür der Eltern tauschte sie die Siegesfeier meines Vaters vom steirischen Triathlon gegen Bennis Erstkommunionfoto. Am Nachtkästchen platzierte sie die Babyfotos, auf denen sie und Benni zu sehen waren, fünf in einer Reihe. „Das ist nicht gut“, hatte Onkel Erwin beim Begräbnis gesagt. „Das ist nicht gut“. Er hatte mir dabei mit seiner großen Hand auf die Schulter geklopft, geseufzt und sich noch ein Bier geholt. Mama hatte Bennis Zimmer geputzt und sein Bett frisch überzogen. Alle Stofftiere hatte sie an die Wand gelehnt, mit den Augen zum Kopfpolster. Benni hatte gerne mit dem Gesicht zur Wand geschlafen, und vor dem Einschlafen mit den Stofftieren gespielt. Im Garten hatte sie seine Spielzeugkiste aufgestellt und alle Bälle gewaschen. Nur das Fahrrad hatten sie sofort weggebracht. Das Foto, das sie auf meinem Nachtkästchen hingestellt hatte, schmiss ich vor ihren Augen in den Mistkübel „In meinem Zimmer bestimme ich!“ sagte ich und dass Benni sowieso nur genervt hätte.
Gestern war das Jahr um. Meine Mutter stand in der Früh auf, machte Frühstück für Papa und mich und setzte sich mit einer Tasse Kaffee zu uns. Ihre Augen waren rot. „Schönen Tag“, sagte sie, als ich mit meinem Mopedhelm in der Hand das Haus verließ. Ich wollte sie fragen, ob wir am Nachmittag gemeinsam zum Friedhof fahren würden, und ging noch einmal zurück um zu läuten. Vor der Tür erinnerte ich mich, dass Benni früher alle damit geärgert hatte, zu klingeln und sich dann hinter dem Haus zu verstecken. Mama hatte geschimpft, aber dannimmer gelacht. Ich drehte um und fuhr in die Schule.
Als ich nach Hause kam, stopfte Mama schwarze Blusen in einen Wäschesack. Sie trug einen dunkelblauen Pullover und versuchte zu lächeln. Ich aß die Fischstäbchen, die sie vorbereitet hatte und ging in mein Zimmer. Sie räumte nicht nur das schwarze Gewand weg, sondern nahm alle Bilder von der Wand, ließ die Magnetbuttons ohne Funktion am Kühlschrank zurück. Ich hörte sie in Bennis Zimmer herumräumen und drehte meine Musik lauter.
In der Nacht wartete ich bis meine Eltern schliefen und ging hinunter ins Wohnzimmer, dort wo ich vermutete, dass sie alles verstaut hatte. Alle Bilder von Benni waren in den Kisten, auch seine Urkunden und die Schneeglaskugel. Das Foto, wo er mit dem Schwimmreifen drauf war, nahm ich mit. Ich hängte es an meine Pinnwand, gleich neben den Konzertkarten vom Nuke-Festival.
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