Jelena geht
entstanden auf einer Schreibwerkstatt mit Robert Schindel im August 2007 (Auszug aus dem Romanprojekt “Morgenluft”)
Am 27. April 1994 hat mich meine Frau verlassen. Zwei Wochen vorher war ich in der Nacht aufgewacht, weil sie nicht schlief. Sie lag kerzengerade im Bett und hatte die Augen geöffnet. „Jelena“, sagte ich, „geht es dir nicht gut?“ Ich nahm ihre kleine kalte Hand und gab sie in meine. Eine Zeit lang lagen wir schweigend nebeneinander, bevor ich wieder einschlief.
Der 27. April war der Tag nach dem Fest. Dieses Mal wachte ich auf, weil sie an meinem Bettrand saß. Ich drehte das Licht auf. Jelena war angezogen und geschminkt „Ist etwas passiert?“ sagte ich, „mit Lisa?“ und wollte aufstehen. Sie legte mir die Hand auf die Brust, drückte mich leicht ins Bett zurück und sah mich mit festem Blick an. Mit Lisa sei alles in Ordnung, sagte sie und dass sie nun gehen würde. Dass sie mich bitte, sie zu verstehen und sie gehen zu lassen, dass sie nur so wieder zurückkommen könne. Sie erhob sich, nahm ihren Koffer, sah mich noch einmal an und ging. Ich öffnete das Fenster, sah das Flughafentaxi und hörte den Kofferraum zuklappen. Ich hielt mich am Fensterbrett fest, das Taxi fuhr weg. Es war halb vier Uhr morgens. Barfuss ging ich durch die Wohnung, öffnete Lisas Zimmertür, setzte mich auf den Drehsessel vor ihrem Schreibtisch und wartete.
Beim Fest hatte Jelena so viel gelacht wie lange nicht mehr. Ihre Cousine war 40 geworden, alle hatten Reden vorbereitet, auf kroatisch und deutsch. Bevor man mit dem Essen begonnen hatte, waren sie aufgestanden, einer nach dem anderen und hatten Ivana beglückwünscht. Jedes Mal wurde gelacht, jedes Mal angestoßen. Es war ein lautes Fest gewesen, lauter als die Feste, die ich kenne. Alles war gleichzeitig besprochen worden, der Krieg, die Kinder, das Essen, der Wein. Bei jedem Schluck, den Jelena von ihrem Glas nahm, hatte sie mich angesehen.
Um sieben läutete Lisas Wecker. „Papa“, sagte sie, „wieso sitzt du da?“ Ich saß vor ihr und wusste nicht was ich sagen sollte, bereute mit einem Mal, dass ich in ihr Zimmer gegangen war, ohne vorher zu überlegen, ohne mir die richtigen Worte zurechtzulegen. Sie setzte sich im Bett auf und sah mich an. Dann sprang sie auf, lief an mir vorbei in unser Schlafzimmer. „Mama?“ rief sie, „Mama!“ und dann wieder „Mama!“
wow..da läufts mir richtig kalt den Rücken runter - ich denke die Geschichte soll uns sagen, vergiss nie mit deinem Partner zu reden, offen zu sein und ihn an deinem Leben teilhaben zu lassen…hat mich ziemlich gefesselt, möchte gern wissen wie es weitergeht mit der kleinen Familie!
Bezaubernde Jeannie said this on August 29th, 2007 at 12:09 pm
..und es ist wie immer mit deinen Texten - sie erfassen mich, berühren mich, dringen ganz tief in meine Gefühlsebenen, wühlen auf und beschäftigen mich auch noch lange nach dem Lesen.Du triffst einfach mitten ins Leben. Ich danke dir dafür!Deine Mama
Hermine Gruber said this on October 12th, 2007 at 11:04 am